Die Einfahrphase – oder auch Einlaufphase – ist eines der meistdiskutierten Themen in der Aquaristik. Und ehrlich gesagt eines, bei dem man sagen muss: Viele Wege führen nach Rom. Erfahrene Aquarianer haben ihre ganz eigenen Methoden, und jede kann funktionieren.
Dieser Beitrag ist bewusst ein Leitfaden für alle, die gerade ihr erstes oder zweites Becken aufsetzen – mit einer sicheren Einsteigerformel, die bei mir und vielen anderen seit Jahren zuverlässig funktioniert. Und weil Garnelen empfindlicher sind als viele Fische, schauen wir uns besonders an, worauf es für Wirbellose ankommt.
Warum ein Aquarium überhaupt einfahren muss
Stell dir vor: Das, was du in deinem kleinen Glaskasten schaffst, ist eine eigene kleine Welt mit einem eigenen biologischen Kreislauf. Und dieser Kreislauf ist nicht einfach da. Bodengrund, Steine, Pflanzen und Wasser rein – zack, funktioniert? Leider nein.
Deine Bewohner produzieren ständig Schadstoffe: über Kot, Futterreste, die nicht gefressen werden, oder abgestorbene Pflanzenteile. All das muss zersetzt werden. In einem frisch aufgesetzten Becken ist aber schlicht noch nichts da, was das übernehmen könnte. Die nötigen Bakterien müssen sich erst ansiedeln – und das braucht Zeit.
Der Stickstoffkreislauf einfach erklärt
Der Abbau läuft in mehreren Stufen ab:
- Ammonium / Ammoniak: Entsteht aus Ausscheidungen und zerfallenden organischen Resten.
- Nitrit: Eine erste Bakteriengruppe wandelt Ammonium in Nitrit um. Nitrit ist giftig.
- Nitrat: Eine zweite Bakteriengruppe verarbeitet Nitrit weiter zu Nitrat. Nitrat ist deutlich weniger giftig, fördert aber in größeren Mengen Algen und wird durch Pflanzen und Wasserwechsel abgebaut.
Der Haken: Diese Bakterien vermehren sich vergleichsweise langsam. Grob gesagt verdoppeln sie sich etwa im 24-Stunden-Rhythmus. Fallen mehr Schadstoffe an, als sie verarbeiten können, staut sich der Zwischenschritt – und genau so entsteht der Nitritpeak.
Was ist der Nitritpeak?
Wenn du in der Einfahrphase regelmäßig misst, wirst du meist innerhalb der ersten zwei bis drei Wochen sehen, wie der Nitritwert steil nach oben geht. Das ist der Nitritpeak. Er beschreibt den Wendepunkt: Irgendwann haben sich genug nitritabbauende Bakterien angesiedelt, sie kommen hinterher, und der Nitritwert fällt wieder.
Wichtig für Garnelenhalter: Auf den Nitritpeak folgt fast immer ein Anstieg des Nitrats – das Nitrit wird ja zu Nitrat verarbeitet. Nitrit ist für alle Bewohner giftig; bei Fischen blockiert es vereinfacht gesagt die Sauerstoffaufnahme im Blut. Wirbellose reagieren zusätzlich empfindlich auf hohe Nitratwerte. Red Fire und andere Neocaridina sind da noch recht robust, aber bei Bienen- oder Tigergarnelen kann das schnell gefährlich für deinen Zuchtstamm werden.
Wie lange dauert die Einfahrphase für ein Garnelenaquarium?
Für ein Garnelenbecken würde ich als Einsteiger pauschal mit mindestens sechs bis acht Wochen rechnen. Klar, es gibt Aquarianer, die sich die Einfahrphase sparen oder stark abkürzen – das kann funktionieren, ist für Anfänger aber mit deutlich mehr Aufwand und Risiko verbunden.
Dazu kommt ein Punkt, der bei Garnelen oft vergessen wird: der Biofilm. In der Einfahrphase wachsen nicht nur die Filterbakterien, sondern auch die Mikroorganismen, Bakterienrasen und Aufwuchs, die deine Garnelen den ganzen Tag abweiden. Setzt du sie in ein frisch gefülltes Becken, ist das wie ein Reinraum – es gibt schlicht nichts zu fressen. Fütterst du dann zu, bleibt jeder Krümel liegen, weil noch niemand da ist, der ihn zersetzt. Der Nitritwert schwankt erneut.
Drei einsteigerfreundliche Wege zum eingefahrenen Becken
Variante A: Einrichten und laufen lassen
Die einfachste Variante: Richte dein Aquarium komplett so ein, wie du es haben möchtest – Bodengrund, Steine, Wurzeln, Bepflanzung, alles drum und dran. Wasser rein, Technik an und das Ganze sechs bis acht Wochen laufen lassen. Kleine Wasserwechsel zwischendurch kannst du machen, ein Muss sind sie nicht.
Ausnahme Soil und Düngekapseln: Verwendest du aktiven Soil oder Düngekapseln, solltest du am Anfang häufiger Wasser wechseln. Diese geben anfangs teils explosionsartig Stoffe ins Wasser ab. Mehr dazu in unserem Beitrag Aktiver Soil im Aquarium.
Variante B: Mit etwas Futter „anfüttern“
Wie Variante A, nur gibst du hin und wieder eine kleine Prise Futter ins Becken. Die Bakterien bekommen so früher etwas zu tun, und du kitzelst den Nitritpeak schneller heraus. Wichtig: wirklich nur kleine Mengen, nicht übertreiben.
Eine Abwandlung ist das Animpfen, etwa indem du einen Filterschwamm aus einem bestehenden Becken im neuen Aquarium ausdrückst. Habe ich selbst schon gemacht – ich bin aber ehrlich gesagt kein Fan mehr davon. Hast du im alten Becken Probleme, zum Beispiel Krankheitserreger oder eine ungünstige Bakterienflora, holst du dir die automatisch mit ins neue. Ich fahre mittlerweile jedes Becken für sich ein.
Variante C: Mit Bakterienstartern unterstützen
Auf dem Markt gibt es massig Bakterienstarter in Flaschen, Kapseln oder Pulverform. Die funktionieren mal mehr, mal weniger gut. Ehrlich gesagt sind in den meisten nicht genau die Bakterienstämme enthalten, die sich später in deinem Becken um den Abbau von Ammonium und Nitrit kümmern. Nutzlos sind sie trotzdem nicht: Sie können den Nitritpeak nach vorne ziehen – überspringen kannst du ihn damit aber nicht.
Ein Denkfehler dabei: Viele kippen den Starter an Tag eins rein. Da gibt es aber noch kaum Schadstoffe, also auch kein Futter für die Bakterien. Ein Teil stirbt schnell wieder ab – und wird dann wiederum zur Nahrung für andere Bakterien. Du kannst den Starter deshalb auch zeitversetzt oder beim ersten Besatz noch einmal einsetzen.
Gut zu wissen ist der Unterschied zwischen Startern und Boostern: Starter sind für die Einfahrphase gedacht. Booster helfen, wenn du später große Veränderungen machst – zum Beispiel neue Filtermedien einsetzt, einen großen Wasserwechsel machst oder Medikamente im Becken hattest.
Und die Angabe „Tiere schon nach 24 Stunden einsetzen“? Kann man machen, muss man aber nicht. Jedes biologische System ist anders – ich würde es bei Garnelen nie tun.
Woran erkenne ich, dass das Becken eingefahren ist?
- Der Nitritpeak war messbar und der Nitritwert ist danach wieder auf nahezu null gefallen. Als Richtwert sollte er stabil unter 0,1 mg/l, besser bei 0,05 mg/l oder darunter liegen.
- Nitrat ist messbar, aber stabil und nicht stark erhöht.
- Auf Scheiben, Steinen und Holz hat sich sichtbarer Aufwuchs gebildet.
- Die Werte bleiben über mehrere Messungen stabil – miss also nicht nur einmal.
Der Erstbesatz: Langsam statt alles auf einmal
Auch nach der Einfahrphase gilt: nicht gleich den kompletten Wunschbesatz auf einen Schlag einsetzen. Jeder neue Bewohner bringt neue Schadstoffe mit. Ziehen viele Tiere gleichzeitig ein, kann es passieren, dass du einen zweiten Nitritpeak bekommst – obwohl du den ersten schon hinter dir hattest.
Ich fahre gut damit, den geplanten Besatz in Dritteln einzusetzen, mit jeweils etwa einer Woche Abstand dazwischen. So wachsen die Bakterien mit der Schadstoffmenge mit. Ist der Vollbesatz erreicht, sind spätere kleine Ergänzungen kein Problem mehr.
Bei den Garnelen selbst gilt: langsam eingewöhnen, zum Beispiel per Tröpfchenmethode, und nicht erschrecken, wenn du die Tiere die ersten Tage kaum siehst. Das ist normal. Was es sonst zu beachten gibt, wenn Tiere doch einmal ausfallen, liest du in unserer Checkliste Garnelen sterben plötzlich.
Fördert den Aufbau von Biofilm und Mikroorganismen – also genau dem, wovon deine Garnelen und besonders der Nachwuchs leben. Ideal zum Ende der Einfahrphase und beim ersten Besatz.
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Je mehr Besiedlungsfläche und Durchfluss, desto stabiler die Bakterienkultur. Mit unserem Luftheberantrieb läuft dein Schwammfilter leise und effizient, der Edelstahl-Schutzkorb sorgt dafür, dass später kein Babygarnelen-Nachwuchs im Filter landet.
Fazit: Geduld ist die beste Investition
Die Einfahrphase ist kein lästiges Warten, sondern das Fundament für ein stabiles Garnelenbecken. Plane als Einsteiger sechs bis acht Wochen ein, miss regelmäßig Nitrit und Nitrat und lass den Biofilm in Ruhe wachsen.
Bakterienstarter können helfen, ersetzen aber keine Geduld. Und wenn die Werte stimmen: Besatz Schritt für Schritt aufbauen. Dann klappt es auch mit dem Nachwuchs.



